Wolfgang Winter, Bildhauer

 

Wolfgang Winter (*1960)

Bildhauer

Wohnort: Frankfurt  Bornheim, Arbeitsort: Ostend, Daimlerstrasse

Im Ostend seit 1989 („schon lange!“)

 

Welchen Grund gab es für Sie, ins Ostend zu gehen?

Viele, darunter auch die Fernfahrerkneipe auf der Hanauer Landstrasse, die es leider seit Jahren nicht mehr gibt, Die fröhlichen Abende mit dem großartigen Ulrich Rückriem, dem die Stadt immerhin ein großzügiges Privatmuseum in der Daimlerstrasse einrichten konnte, aus dem später die Dependance für Bildhauer der Städelschule heranwuchs. Rückriem, der dort seinen 50sten feierte, wo er auch am Flügel vorspielte und dem - nach stets in der Großmarkthallen-Kneipe beendeter Zechtour - am Straßenrand sitzend von einem Berber die heiße Rindswurst aus der Hand entwendet wurde. Mario Adorf, der in der Kantine der Bildhauerateliers saß, in der Drehpause zum „Großen Bellheim“ und sein mit Wurst belegtes Brötchen aß, für das mindestens zehn Regie-Assistenten verantwortlich schienen! Der philosophische Künstler Franz West, der den weiten Weg von Wien hierher immer per Zug absolvierte, stets mit herausragendem Buch in der Seitentasche des beigefarbenen Duffle-Coats und sofort bereit und fähig, die Studenten eines Besseren zu belehren und dem man im Gegenzug die Atelier-Badewanne unverständlicherweise nicht genehmigte. Jason Rhoades, der sich in einer der ersten Amtshandlungen zwei forstgrüne Sofagarnituren aus Plüsch bei Neckermann um die Ecke heranschaffte, für die Gemütlichkeit im Atelier und dem besonders die Hanauer gefiel, weil sie ihn so sehr an Los Angeles erinnerte. Die ambitionierte Zeit der TAT-Probebühne mit Tom Stromberg und der damalige Anspruch, auch den darstellenden Künsten in der Daimlerstrasse ein neues Zuhause zu geben und die traurige Ernüchterung, als das Geld ausging. Die Ambitionen des Instituts für Neue Medien und die Totalinstallation Kabakovs mit alten Medien in den gleichen Räumen ein paar Jahre später. Das Phantombüro mit dem legendären Schwimmbad aus zwei Seecontainern, das hier entwickelt und erbaut wurde und nach einem wunderbaren Sommer hier im Ostend schließlich in der Essener Zeche Zollverein eine dauerhafte Heimat fand. Ein paar Schritte weiter die Sinti, deren Großfamilien auf sehr engem Raum leben und die zum Teil sehr gut singen, und deren Kinder mehr bekommen sollten, als sie haben. Oder der verrückte Student, der am Ende einer Party morgens um acht die Spitze des alten Schornsteins der Fabrik unbemerkt erkletterte und hoch oben in 44m Höhe den Verängstigten unten nackend zujubelte, als wolle er damit zeigen, wie Sockelplastik geht. Und die Studentin, die am letzten Tag ihres Studiums überwechselte zum verheißungsvollen vietnamesisch-buddhistischen Kloster ein paar Schritte weiter, und die nach ein paar Jahren mit freudig strahlendem Lachen wieder vor mir stand, fröhlich, geläutert und kahlköpfig und in brauner Mönchstracht. Oder der mächtige Donner, der die wunderbare sonntägliche Ruhe mit den Kirchenglocken aus Fechenheim am stillen Hafenbecken durchdrang, und dann die Erkenntnis, dass Dynamit zum Fischefangen sehr effektiv ist.Und der Fuchs, den man hier im Feld beobachten konnte, der jetzt weg ist und der einen jungen dänischen Künstler zum Auftakt seiner Karriere inspirierte - bevor sich eine Aufbereitungsanlage für Neuwagen großflächig breit machte, die bislang noch keinen hier inspiriert hat.